Faire Arbeitsbedingungen



Schweizer und südafrikanische Gewerkschafter inspizieren Fussballstadien

Der Internationale Bund der Bau- und Holzarbeiter (BHI), die Gewerkschaft Unia und das Schweizerische Arbeiterhilfswerk (SAH) entsenden eine Delegation nach Südafrika, die vom 19. bis 25. März 2009 die Stadionbaustellen für die FIFA WM 2010 in Südafrika inspiziert. Zusammen mit den südafrikanischen Baugewerkschaften NUM, BCAWU und SABAWO sowie dem lokalen Organisationskomitee des Weltfussballverbandes FIFA wird die Delegation die Stadien in Johannesburg, Durban und Kapstadt besuchen und die arbeitsrechtlichen Bedingungen unter die Lupe nehmen. Die Gewerkschaften fordern damit die Einhaltung der Zusage ein, die FIFA-Präsident Sepp Blatter bei einem Treffen im März 2008 in Zürich gemacht hatte. Blatter hatte sich zur Respektierung der Arbeitsgesetze auf den Baustellen bekannt, gemeinsame Inspektionen versprochen und einen Dialog mit der FIFA auch über 2010 hinaus in Aussicht gestellt.

 

Fair Games – Fair Play: Eine internationale Gewerkschaftskampagne

Der Besuch steht im Zeichen der internationalen Gewerkschaftskampagne “Fair Games – Fair Play“. Die 2007 lancierte Kampagne fordert freien gewerkschaftlichen Zugang zu den Baustellen, faire Arbeitsbedingungen, Löhne, die zum Leben ausreichen (4´000 Rand monatlich) und eine gute Arbeitssicherheit. Soll die WM auch einen Beitrag zur sozialen Entwicklung in Südafrika leisten, dann müssen diese Forderungen berücksichtigt werden.

 

Die südafrikanischen Gewerkschaften haben sich von Beginn weg für die WM 2010 in Südafrika ausgesprochen. Das sportliche Grossereignis löst in Südafrika eine wichtige wirtschaftliche Dynamik aus und führt im Vorfeld zu verstärkten Bauaktivitäten. Das Anliegen der Gewerkschaften ist, dass faire Arbeitsbedingungen bei der Erstellung der WM-Infrastruktur gesichert werden und die FIFA als Ausrichter der WM sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten dafür einsetzt. Die FIFA muss ihre soziale Verantwortung wahrnehmen und Sorge tragen, dass die gesetzlichen Mindeststandards erfüllt sind.

 

Lohnniveau im Bausektor – der gesetzliche Mindestlohn für Ungelernte liegt 2009 bei rund 2´400 Rand pro Monat (rund CHF 280)  – und die fehlende Kontrolle bei Subunternehmen auf den Baustellen, welche die Mindestlöhne oft noch unterschreiten.

 

Ziele

 

Die Südafrikanischen Gewerkschaften formulierten als Ziele ihrer Kampagne „Fair Games – Fair Play“ unter anderem:

  1. Einhaltung der nationalen Gesetzgebung in Südafrika sowie die Möglichkeit, durch ungehinderten Zugang zu den Baustellen als Gewerkschaft die Einhaltung der Bedingungen zu kontrollieren.

  2. Menschenwürdige Arbeitsbedingungen für alle mit Löhnen von mindestens 4´000 Rand pro Monat (rund 460 Franken) sowie die konsequente Kontrolle der Subunternehmen, damit sich auch diese an die Mindestarbeitsbedingungen halten.

  3. Eine deutliche Verbesserung des Arbeitsschutzes sowie der Arbeitssicherheit. “Zero accidents“ ist das Ziel bezüglich Arbeitsunfälle.

  4. Die Schaffung neuer Arbeitsplätze, vor allem für Frauen und Jugendliche.

  5. Zusätzliche Investitionen in die berufliche Aus- und Weiterbildung.

Seit Mitte 2007 kam es auf südafrikanischen Stadionbaustellen zu über 20 Streiks und spontanen Arbeitsniederlegungen. Die Erfolge der Kampagne lassen sich wie folgt zusammenfassen (August 2007 – Februar 2009):

 

Hauptprobleme

 

Als Hauptprobleme bezeichnen die südafrikanischen Baugewerkschaften das generell tiefe

  • Transportentschädigungen und freier Transport vom Bahnhof zur Stadionbaustelle für Arbeiter in Cape Town. Dies entlastet die Monatseinkommen erheblich!

  • Einkommenssteigerungen: nach einem 12-tägigen Streik in Durban (Nov. 2007) erhalten 1´200 ArbeiterInnen Bonuszahlungen vom je 6´000 Rand (insgesamt 7.2 Mio. Rand, über CHF 800´000). Dies ist eine grosse Einkommensaufbesserung für 1´200 Familien

  • Im gleichen Streik in Durban wurde das Lohndumping durch Subunternehmen erfolgreich bekämpft: Der gesetzlich festgeschriebene Mindestlohn muss auch von allen Sub-Unternehmen auf der Stadionbaustelle gezahlt werden. Es hatte Fälle von Subunternehmen gegeben, die nur die Hälfte des Mindestlohns zahlten, d.h. 6 Rand in der Stunde (Referenzjahr 2007).

  • Gewerkschaftlichen Organisationsgrad erhöht: seit Beginn der Kampagne konnten über 5´000 neue Gewerkschaftsmitglieder gewonnen werden. Dies stärkt die Gewerkschaften für zukünftige Vertragsverhandlungen.

  • Schweizer und südafrikanischen Gewerkschaften haben FIFA-Präsident Sepp Blatter im März 2008 in Zürich ein Memorandum mit Forderungen überreicht und an die soziale Verantwortung der FIFA appelliert. Blatter unterstützte die Anliegen der Kampagne und sagte gemeinsame Stadioninspektionen zu wie auch eine Aufrechterhaltung des Dialogs über die WM 2010 hinaus. Damit schaffen die Gewerkschaften einen Präzedenzfall auch für zukünftige Kampagnen. Ausserdem erhalten die rund 20´000 BauarbeiterInnen je zwei Gratis-WM-Tickets für Spiele in dem Stadion, das sie erbaut haben.

  • FIFA LOC in Südafrika und einer der südafrikanischen Baumeisterverbände (SAFCEC) unterzeichneten den Forderungskatalog der Gewerkschaften (Juni 2007).

 

Internationale Unterstützung für Fair Games – Fair Play

Die Kampagne Fair Games – Fair Play ist ein Element der weltweiten Kampagne „Decent Work for a Decent Life“. Diese Kampagne wird getragen vom Internationalen Gewerkschaftsbund (IGB), dem Europäischen Gewerkschaftsdachverband, dem Globalen Progressiven Forum sowie der Hilfswerkallianz Solidar. Die Kampagne fordert die Erhaltung bzw. Schaffung menschenwürdiger Arbeitsplätze, die Gewährleistung der Arbeitsrechte, soziale Sicherheit, die Gleichstellung von Frauen und Männern sowie sozialen Dialog. Denn menschenwürdige und produktive Arbeit ist für Millionen von Menschen der einzige Weg aus der Armut. Nur mit menschenwürdiger Arbeit für alle können die Millennium-Entwicklungsziele erreicht werden.

 

Als Schwerpunkt in seinem Engagement für gerechte Arbeitsbedingungen hat der Internationale Bund der Bau- und Holzarbeiter (BHI) die Kampagne Fair Games – Fair Play gewählt. Die Gewerkschaft Unia ist Mitglied des Internationale Bundes der Bau- und Holzarbeiter (BHI) und unterstützt gemeinsam mit dem Schweizerischen Arbeiterhilfswerk SAH die Kampagne der südafrikanischen Gewerkschaften vor Ort.

 

FIFA World Cup 2010 in Südafrika: Die Fakten

Folgende Stadien werden neu gebaut:

  • African Renaissance Stadium (Green Point), Cape Town
  • Moses Mabhida Stadium, Durban
  • Nelson Mandela Stadium, Port Elizabeth
  • Mbombela Stadium, Nelspruit
  • Peter Mokaba Stadium, Polokwane

Finanzielle Auswirkungen der WM 2010

  • Die Gesamtinvestitionen der öffentlichen Hand in Infrastrukturprojekte, die in direkter Relation zum FIFA World Cup 2010 stehen, machen mindestens 33 Mrd. Rand aus (= CHF 3.8 Mrd.). Aktuelle Schätzungen gehen von einer noch höheren Summe aus wegen gestiegener Importpreise aufgrund der Abwertung des Rand.
  • Stadionneubauten bzw. –umbauten: die Kosten belaufen sich auf rund 14 Mrd. Rand (= CHF 1.6 Mrd.). Davon sind 11.5 Mrd. Rand Investitionen der Zentralregierung. Quelle: fifa.com, Business Day (Dec. 2008), Mail and Guardian (Feb. 2009)
  • Der FIFA World Cup 2010 trägt schätzungsweise 55 Mrd. Rand (= CHF 6.3 Mrd.) zum Bruttoinlandsprodukt Südafrikas bei.
  • Insgesamt würde der FIFA World Cup 415´000 neue Jobs schaffen, so das Beratungsunternehmen Grant Thornton. Diese Zahl wurde drastisch nach oben korrigiert (ursprünglich war man von 159´000 Jobs ausgegangen) und dürfte nicht realistisch sein. Quelle: Grant Thornton
  • Südafrika erwartet während der 4-wöchigen Weltmeisterschaft knapp 500´000 ausländische BesucherInnen.

Zugrunde gelegter Wechselkurs CHF / ZAR 8.70


 

Kennziffern in der Bauindustrie in Südafrika

  • Beschäftigtenzahl: Anstieg von 600´000 (2002) auf 1´050´000 (2007, = 8% aller Beschäftigten).
  • Beschäftigte in WM-Infrastrukturprojekten: rund 22´000 BauarbeiterInnen.
  • Wachstum der Baubranche 14.9% (Jahr 2007).
  • Gesetzlich festgeschriebener Mindestlohn in der Bauindustrie (2009): 2´400 Rand pro Monat (= CHF 280) (Sectoral Determination 2: Civil Engineering Sector, 2007).
  • 2008 verdiente ein ungelernter Bauarbeiter 12.50 Rand in der Stunde (lt. Sectoral Determination 2), ein CEO der Baufirma rund 2´200 Rand pro Stunde, d.h. das 176-fache.
  • Die Gewinnsteigerungen der Bauunternehmen in der gesamten Baubranche betrugen 2007 218% (!), vor Steuern, die Einkommenssteigerungen der CEO im gleichen Jahr 42%. Die Lohnerhöhungen der BauarbeiterInnen zwischen 2007 und 2009 lagen hingegen bei 12% und konnten kaum die Inflation ausgleichen.
  • Beschäftigungsstruktur in Bauindustrie: 55% informelle Arbeit lt. Statistics South Africa, die Gewerkschaften sprechen gar von 70% informeller Arbeit, d.h. Gelegenheitsarbeit, Kurzzeitverträge, Taglöhner.
  • Zwei Drittel aller Bauarbeiter verdienen unter 2´500 Rand pro Monat (= unter CHF 290). Im nationalen Durchschnitt aller Berufe liegt dieser Prozentsatz bei 52% (2007).
  • 90% aller Bauarbeiter haben keine Krankenversicherung.
  • 58% haben keine Arbeitslosenversicherung.
  • 74% haben keinen Anspruch auf bezahlte Ferien.
  • 57% aller Bauarbeiter haben keinen schriftlichen Arbeitsvertrag.
  • Nur 33% haben einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Die Mehrheit ist befristet, temporär, saisonal oder als Gelegenheitsarbeiter angestellt.
  • Weniger als 10% aller Bauarbeiter sind gewerkschaftlich organisiert (d.h. weit unter nationalem Durchschnitt in Südafrika). Bei den Infrastrukturbauten für die FIFA WM 2010 konnte der Organisationsgrad dank der Kampagne auf rund 35% erhöht werden.
  • Bausektor ist unter den fünf Wirtschaftssektoren Südafrikas, die die höchste Zahl an Unfällen und Todesfällen pro Jahr melden.

Quellen: Statistics South Africa, Labour Force Survey 2006 und 2007; Sectoral Determination 2 : Civil Engineering Sector (2001, 2004, 2007); Decent Work – Fair Play for all Teams. SEF, Byggnads, SM, 2008

 

 

Firmen und Konsortien

 

Wichtigste Firmen und Konsortien, die Ausschreibungen für Stadionneubauten bzw. –umbauten gewonnen haben:

  • Royal Bam Group (NL) / Grinaker LTA (RSA) – Soccer City, Johannesburg
  • Murray & Roberts (RSA) / WBHO (RSA) / Grinaker LTA (RSA – African Renaissance Stadium, Cape Town
  • Grinaker-LTA  (RSA) / Interbeton (Royal Bam, NL) / Ibayi – Nelson Mandela  Stadium, Port Elizabeth
  • Group Five (RSA) / WBHO (RSA) – Moses Mabhida Stadium, Durban
  • Basil Read (RSA) / Bouygues (FRA) - Mbombela Stadium, Nelspruit
  • WBHO (RSA) / PAUL Building – Peter Mokaba Stadium, Polokwane

Quellen: BWI / LRS / SAH: Company Profiles in Construction for 2010 World Cup, verschiedene Presseberichte

 

Gewerkschaften in Südafrika

Südafrikanische Baugewerkschaften:

  • National Union of Mine Workers (NUM), die dem Gewerkschaftsdachverband COSATU angeschlossen ist. Die NUM organisiert in den Sektoren Bergbau, Bau und Energie. Die NUM ist mit rund 55´000 Mitgliedern im Sektor Bau die grösste Baugewerkschaft in Südafrika.
  • Building, Construction and Allied Workers´ Union (BCAWU). BCAWU ist die zweitgrösste Baugewerkschaft mit 27´000 Mitgliedern und dem Dachverband NACTU angeschlossen.
  • South African Building and Allied Workers´ Organisation (SABAWO). SABAWO hat 4´000 Mitglieder und ist dem Dachverband CONSAWU angeschlossen.

 

Gewerkschaftliche Dachverbände:

  • COSATU (Congress of South African Trade Unions), gegründet 1985, rund 1.7 Mio. Mitglieder, Teil der Regierungsallianz mit ANC und SACP.
  • FEDUSA (Federation of Unions of South Africa), gegründet 1997, rund 550´000 Mitglieder.
  • NACTU (National Council of Trade Unions), gegründet 1986, 350´000 Mitglieder.
  • CONSAWU (Confederation of South African Workers´ Union), gegründet 2003, 230´000 Mitglieder.

 

Eckdaten Südafrika

Fläche: 1'219'080 km2 (rund 30-mal die Schweiz)

Bevölkerung: 48 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner

 

Sozio-okönomische Indikatoren

  • BIP 240 Mrd. US$ (2005)
  • BIP per capita: 5´100 US$ (2005)
  • Wirtschaftswachstum 2008: 3.1%
  • Beschäftigte: 13.3 Mio.
  • Arbeitslose: 3.9 Mio. (offizielle Definition,  = 22.7%). Dazu kommen 3.4 Mio. Discouraged Work Seekers, d.h. Menschen, die die Suche nach einer Arbeit aufgegeben haben.
  • Bevölkerung mit weniger als USD 2 pro Tag: 34% (2005)
  • Bevölkerungswachstum: 2,1% (Durchschnittswert 1975 - 2005)
  • Lebenserwartung: 51 Jahre (2005)

Quellen: UNDP, Human Development Report 2007, Statistics South Africa, Labour Force Survey 2007, BBC

 
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