Chancen packen statt Lamentieren –Feststellungen und Beobachtungen zur industriellen Herausforderung der Schweiz durch die EU-Osterweiterung auf der Basis der BAK-Studie
Erfreulicherweise zeigt die BAK-Studie, dass der Industriestandort Schweiz und namentlich die Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie weit besser ist als viele Unternehmer und Politiker wahrhaben wollen, die bei jeder Gelegenheit mit der Auslagerung der Betriebe und Arbeitsplätze nach Osteuropa oder in andere Teile der Welt drohen.
Fazit der Studie insgesamt: Die Schweizer MEM-Industrie ist wettbewerbsfähig, doch diese Wettbewerbsfähigkeit für die Zukunft zu erhalten und zu verbessern, bedarf intensiver Anstrengungen zur Erhöhung der Produktivität in allen Bereichen, dazu gehören insbesondere die Investitionen in Aus- und Weiterbildung, in Forschung und Entwicklung sowie in die Infrastruktur.
Die BAK-Studie trägt dazu bei, die Probleme des Industriestandortes Schweiz im Verhältnis zu Osteuropa differenzierter zu sehen, als dies oft in der öffentlichen Debatte der Fall ist, und damit auch allzu simple Vorstellungen und Vorurteile zu widerlegen. Ein paar Beispiele aus der Studie:
- Die Lohnstückkosten – das Verhältnis von Produktivität und Arbeitskosten und wichtigster Indikator der Wettbewerbsfähigkeit - liegen 2003 in der schweizerischen Investitionsgüterindustrie rund 20 Prozent über dem durchschnittlichen Niveau der EU-Ost-Länder, obschon die Arbeitskosten im Durchschnitt um rund das sechsfache tiefer liegen als in der Schweiz.
- Mit anderen Worten: Die Produktivität der Schweizer Industrie ist rund 4 – 5mal höher als im Durchschnitt der EU-Ostländer.
- Osteuropa ist nicht einfach Osteuropa. Das belegen die sehr unterschiedlichen Zahlen für die einzelnen Länder in Bezug auf Produktivität, Arbeitskosten, Löhne, Lohnstückkosten etc. Das gilt nicht nur für die verschiedenen Länder Osteuropas, sondern für die verschiedenen Regionen innerhalb dieser Länder selber.
- Das regionale Industriegefälle ist in Osteuropa wesentlich grösser als das regionale Gefälle in der Schweiz. Die Studie kommt zum Schluss, dass in gewissen Regionen Produktivität und Arbeitskosten fast westeuropäisches Niveau erreichen. Und in Slowenien liegen die Lohnstückkosten sogar über dem schweizerischen Wert.
Die BAK-Studie zeigt, dass in Sachen Regulierung des Arbeitsmarktes und der Arbeitszeiten die EU-Ostländer im Allgemeinen mehr reguliert sind als die Schweiz. Die Studie widerlegt damit die immer wieder verbreitete Behauptung, in Osteuropa sei die Arbeitsmarkt- und Zeitflexibilität grösser als in der Schweiz und bedeute deshalb für die Schweiz einen Standortnachteil. Nicht nur die Studie, auch unsere Sozialpartnerreise nach Tschechien und Polen hat diese Fakten bestätigt.
Die schweizerische Investitionsgüterindustrie hat ihre Wettbewerbsfähigkeit zwischen 1995 und 2003 nicht verschlechtert, wie oft angenommen wird, sondern sogar verbessert. Ein wichtiger Grund dafür liegen bei den Arbeitskosten, die bei uns im Durchschnitt um real 0.2 Prozent pro Jahr zurückgingen, während sie in den EU-Ost-Ländern um fast 8 Prozent pro Jahr zugenommen haben
Anders ausgedrückt: Die Arbeitskosten in der Schweiz und in Mittel- und Osteuropa nähern sich einander sehr rasch an, womit der Druck zu kostenmotivierten Produktionsverlagerungen abnimmt.
Die Studie zeigt dabei: Die Wettbewerbsfähigkeit der einzelnen Branchen unterscheidet sich deutlich voneinander. Am besten ist der Maschinenbau positioniert. Im Jahr 2003 liegt hier das Lohnstückkostenniveau nur wenig oberhalb der mittel- und osteuropäischen Vergleichsländer; einzig die tschechische Maschinenbauindustrie ist wettbewerbsfähiger.
Die Studie belegt auch: Die Arbeitskosten als solche sagen wenig über die Wettbewerbsfähigkeit aus, entscheidend sind die Arbeitsproduktivität, die Lohnstückkosten, die Innovationsfähigkeit, die steuerlichen Standortvorteile für die Unternehmen, die Regulierung der Produkt- und Arbeitsmärkte, die Infrastrukturqualität, der Ausbildungsgrad der Erwerbstätigen, die Verkehrsinfrastruktur und vor allem auch der Anteil an Investitionen in Forschung und Entwicklung.
Fazit
Die Studie zeigt hier klar, die Schweizer MEM-Industrie verfügt über enorme Standortvorteile. Dennoch: Die EU-Osterweiterung ist und bleibt auf lange Sicht eine enorme Herausforderung für die Schweizer Industrie.
Dabei gilt auch: Das aufstrebende Osteuropa und der osteuropäische Markt ist für die Schweizer Industrie eine riesige Chance. Diese Feststellung wird schon heute durch das Exportwachstum der Schweizer Industrie von zum Teil mehr als zehn Prozent pro Jahr bestätigt.
Eine letzte Bemerkung
Eine neue Studie der Hochschule für Wirtschaft in Luzern hat kürzlich gezeigt, dass auf drei Firmen, die ins Ausland auslagern, eine in die Schweiz zurückkehrt.
Von Renzo Ambrosetti, Co-Präsident der Gewerkschaft Unia
