Einige Fragen zum Sonntag
Heute kann ich – nach geltendem Recht – am Sonntag zum Beispiel Brot, Wein, Käse usw. einkaufen. Die Familienläden in meinem Quartier sind geöffnet. Ich kann aber auch zum Bahnhof gehen. Dort dürfen nach Gesetz Läden offenhalten, die auf die speziellen Bedürfnisse der Reisenden ausgerichtet sind und für den Notfall ein Warenangebot bereithalten. Auch ich kann davon Gebrauch machen, selbst wenn ich nicht auf den Zug muss.
Morgen aber, so frag’ ich mich, werde ich morgen meine HiFi-Anlage, meinen Kühlschrank oder eine neue Winterjacke wirklich an einem Sonntag am Bahnhof kaufen? Ich und tausend, ja zehntausend andere Sonntagseinkäufer?
Werde ich morgen meinen Wagen im Park & Rail abstellen, um am Sonntag vormittag am Bahnhof meine Einkäufe zu tätigen, im Hupkonzert anderer Automobilisten in der Warteschlange vor der Ticketausgabe?
Werden morgen die 40-Tönner den Einkaufszentren an den Bahnhöfen ihre Warenladungen jeweils sonntags liefern, während mein Quartierladen schliessen muss, weil er mit dieser Konkurrenz nicht mehr mithalten kann?
Werde ich morgen alleine am Rande des Fussballfeldes stehen und meine Mannschaft anfeuern, weil an den Sonntagen – wer hätte das gedacht? – alle anderen am Bahnhof einkaufen? Werde ich auch im Kino alleine dasitzen und am See alleine grillieren, weil meine Tochter an den Sonntagen als Kassiererin im Supermarkt am Bahnhof arbeiten muss und mein Mann als Bankangestellter an den Sonntagen in der Bahnhofsfiliale unserer Kantonalbank im Einsatz steht?
Muss ich in Zukunft an den Sonntagen frühmorgens aufstehen, weil ich im Detailfachgeschäft am Bahnhof in Bern, Schaffhausen, Lausanne oder Delsberg Fernsehapparate verkaufen muss? Und das erst noch ohne irgendeinen Lohnzuschlag?
Ja, morgen … während meine Kinder schulfrei haben, alleine sind und den „Tag des Herrn“ vor dem Fernseher vertrödeln …?
Will ich das morgen? Wohl kaum. Und deshalb werde ich am 25. September gegen die Abschaffung des Sonntags stimmen!
Das heute geltende Gesetz sieht genügend Möglichkeiten vor, welche den Bedürfnissen der Reisenden (Nahrungsmittel, Medikamente) oder der Gesellschaft (Familienbetriebe, Notfalldienste usw.) Rechnung tragen. Brauchen wir wirklich mehr?
In Gegnteil hätte die Gesetzesänderung, über die wir am 25. September abstimmen, folgende Auswirkungen:
- erhebliche Beeinträchtigung von Familienleben und Freizeit für die betroffenen Personen;
- massive Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen für die Angestellten im Detailhandel sowie in den Dienstleistungs- und Transportbetrieben durch die Einführung einer weiteren Abbaumassnahme (Sonntagsarbeit) ohne (vor allem lohnwirksame) Gegenleistung;
- unlauterer Wettbewerb in zahlreichen Wirtschaftszweigen durch den Standortvorteil von Geschäften an Bahnhöfen gegenüber solchen abseits von Bahnhöfen;
- mögliche Abschaffung des Sonntags als Ruhetag auch ausserhalb von Zentren des öffentlichen Verkehrs (ständerätliche Motion vom 31.08.04);
- weitere Beeinträchtigungen des Sonntags als Ruhetag: Verkehr, Lärm, Umweltbelastungen usw.;
- eine Verschlechterung der Lebensqualität für einen Grossteils der Bevölkerung, auch für Kinder …
Der Kauf nicht lebensnotwendiger Konsumgüter ist weder ein dringendes noch ein gesellschaftliches Bedürfnis, das es zu jeder Tageszeit und an jedem Wochentag zu befriedigen gilt, wie das beispielsweise bei der medizinischen Versorgung der Fall ist. Ein Familien- und Gesellschaftsleben sowie die Ruhe einmal in der Woche sind Bedürfnisse, die wir alle haben!
Marie-France Perroud
