Geschichte machen, Geschichte erinnern

Die Gewerkschaften sind zentrale Akteure im wirtschaftlichen, politischen und sozialen Gefüge der Schweiz. Sie vertreten ihre Mitglieder und die Arbeitnehmerschaft als Ganzes und kämpfen für deren Rechte. Die Gewerkschaften führen kollektive Verhandlungen mit den Arbeitgebern, beeinflussen Behörden und Gesetzgeber, organisieren Kundgebungen und lancieren Kampagnen. Aber Gewerkschaften machen nicht nur Geschichte. Sie interpretieren ebenso wirtschaftliche, soziale und politische Trends, sie bewerten politische Entscheide und formulieren Alternativen, sie erinnern an historische Erfolge und Niederlagen. Geschichte machen, Geschichte erinnern: Dieses in doppeltem Sinn «historische» Selbstverständnis der Gewerkschaften spiegelt sich in den vorliegenden Archivbeständen und macht ihren besonderen Reiz für die Geschichtsforschung aus.
Die Unia-Archive dokumentieren…
...soziale Errungenschaften:

Das moderne Sozialversicherungssystem baut auf Dienstleistungen auf, welche massgeblich von den Gewerkschaften entwickelt und getragen wurden, insbesondere im Bereich der Arbeitslosenversicherung. Die Verkürzung der Arbeitszeit, die Herabsetzung des Rentenalters, der verlängerte Ferienanspruch, die Entschädigung des Lohnausfalls bei Krankheit und Unfall, der Kündigungsschutz und der Teuerungsausgleich blieben dauernde Postulate gewerkschaftlicher Arbeit.
…den Gegensatz von Arbeit und Kapital:

Die Sozialpartner – Arbeitgeber und Gewerkschaften – regelten ihr Verhältnis in der Schweiz im Vergleich zu anderen Ländern stärker über vertragliche Lösungen und weniger auf dem Gesetzesweg. Das daraus entstehende komplexe Geflecht von Verhandlungsprozessen, Gesamtarbeitsverträgen und paritätischen Institutionen macht einen wichtigen Teil des Archivmaterials aus. Wenn das sozialpartnerschaftliche System versagte und aus Interessengegensätzen in einzelnen Unternehmen oder ganzen Branchen offene Konflikte entstanden, hinterliess dies auch in der gewerkschaftlichen Erinnerung Spuren.
…wirtschaftliche Entwicklungen:

Die Gewerkschaftsarchive sind Archive des ökonomischen Wandels. In der kontinuierlichen Auseinandersetzung mit den Arbeitgebern zeigen sich Vielfalt und Wandel der Berufe und Branchen. Die Unia-Archive eröffnen Einblicke in die Modernisierung der chemischen Industrie, in die verzweigten Fertigungsprozesse der Uhrenbranche oder auf längst verschwundene Berufe wie Feilenhauer, Ausläufer und Küfer. Für Fragen der materiellen Lage, Arbeitszeit, Arbeitsicherheit und Mitbestimmung, Gleichstellung von Frau und Mann sowie des Verhältnisses zwischen ansässigen und eingewanderten Arbeitnehmenden stellen die Gewerkschaftsarchive eine einzigartige Quellensammlung dar.
…politische Prozesse:

Die Gewerkschaften haben die Sozialpolitik und die Arbeitsgesetzgebung der Schweiz entscheidend mitgestaltet. Dutzende von gewerkschaftlichen Referenden und Initiativen und die damit verbundenen internen und öffentlichen Diskussionen finden ihren Niederschlag im Archiv. Gut dokumentiert ist zudem das gewerkschaftliche Lobbying in Kommissionen und politischen Gremien.