Baumeister, verhandeln und Lösungen erarbeiten!

Die Baumeister attackieren die Arbeitsbedingungen und die hart erkämpfte Frühpensionierung der Bauarbeiter. In einem Gastkommentar in der «Neuen Zürcher Zeitung» (NZZ) fordert Nico Lutz, Sektorleiter Bau der Unia, den Präsidenten des Schweizerischen Baumeisterverbandes (SBV), Gina-Luca Lardi auf, für Lösungen Hand zu bieten - um die Rente mit 60, eine der wichtigsten sozialen Errungenschaften in der Baubrache, zu sichern.

«Glaubt man Baumeisterpräsident Gian-Luca Lardi, geht es den Bauarbeitern offenbar zu gut. Die Gewerkschaften hätten - so Lardi in seinem NZZ-Gastkommentar vom 21. Juni 2018 - die Löhne des Baugewerbes auf ein «so hohes Niveau getrieben», dass sie sich kaum noch verbessern liessen und sich mit «akademischen Salären messen» könnten.

4413 bis 5663 Franken: Das sind, je nach Vertragszone und Qualifikation, die heute gültigen Mindestlöhne für Bauarbeiter und Baufacharbeiter. Sie wurden trotz ausgezeichneter Baukonjunktur seit dem 1. Januar 2014 um keinen Franken verbessert. Ich werde Herrn Lardi bei nächster Gelegenheit fragen, welche «akademischen Saläre» er im Vergleich dazu im Kopf hat.

Es gibt mehrere Streitpunkte zwischen Gewerkschaften und Baumeistern. Der Schweizerische Baumeisterverband (SBV) findet, den Bauarbeitern gehe es zu gut. Darum verlangt er eine Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen. Im Visier hat er ausgerechnet die älteren Bauarbeiter - also jene, die bereits während Jahrzehnten hart für ihre Firmen gearbeitet und dabei ihre Gesundheit aufs Spiel gesetzt haben.

Wenn es nach dem SBV geht, sollen ihre Löhne in Zukunft gekürzt werden können - weil sie weniger produktiv seien. Und zwar noch unter die geltenden Mindestlöhne der jeweiligen Lohnklasse. Nach dreissig Jahren Berufserfahrung könnte ein 55-Jähriger wieder zum Lohn eines Hilfsarbeiters eingestellt werden.

Zudem will der Baumeisterverband die vor sechs Jahren vereinbarte längere Kündigungsfrist für ältere Mitarbeiter wieder auf das gesetzliche Minimum verkürzen. Faktenwidrig behaupten die Baumeister, die längeren Kündigungsfristen verhinderten die Anstellung von älteren Bauarbeitern. Dabei ist im Vertrag geregelt, dass diese nur für langjährige Mitarbeiter ab 55 Jahren gelten.

Und die grösste Provokation für die Bauarbeiter ist: Die Baumeister fordern faktisch die Abschaffung der Rente mit 60. Diese ermöglicht den Bauarbeitern seit 2003, nach einem körperlich harten Arbeitsleben im Alter von 60 Jahren in Würde in Pension zu gehen und zu vermeiden, vor dem üblichen Rentenalter entlassen oder invalid zu werden.

In den kommenden Jahren nimmt die Zahl der Frührentner zu. Nicht etwa weil die Lebenserwartung steigt, denn die Frührente wird nur zwischen 60 und 65 ausbezahlt. Der Babyboom in den frühen sechziger Jahren und eine gute Baukonjunktur in den achtziger Jahren haben zur Folge, dass in den nächsten Jahren mehr Bauarbeiter das Pensionsalter erreichen.

Nach 2024 geht die Zahl wieder zurück. Der Baumeisterverband nimmt diese vorübergehende und lösbare Herausforderung zum Anlass, eine Erhöhung des Rentenalters auf 62 Jahre oder eine Kürzung der Leistungen um 30 Prozent zu verlangen. Heute wird im Durchschnitt eine Übergangsrente von 4400 Franken pro Monat ausbezahlt, mit 30 Prozent weniger könnte sich kaum jemand eine Frührente leisten.

Der Handlungsbedarf bei der Rente mit 60 ist seit Sommer 2017 bekannt, und seit vergangenem Herbst fordern die Gewerkschaften vergeblich Verhandlungen zwischen den Vertragsparteien. Sie haben Anfang Jahr ein ausgewogenes Sanierungskonzept vorgeschlagen: eine vorübergehende Erhöhung der Beiträge um 0,75 Prozent – die Bauarbeiter sind auch bereit, einen Teil der Erhöhung zu übernehmen - sowie eine zumutbare Reduktion der Leistungen. Die Sanierung würde so je zur Hälfte beitrags- und leistungsseitig erfolgen. Eine Sanierung, welche die ganze Last auf die wenigen Jahrgänge legt, die in den kommenden Jahren in Rente gehen - das ist der Vorschlag der Baumeister -, ist nicht haltbar.

Ich hoffe darum sehr, dass Gian-Luca Lardi seinen Aufruf in der «Tribüne», sich doch mit «kühlen und besonnenen Köpfen» an den Verhandlungstisch zu setzen, endlich selber beherzigt. Dann werden wir die Rente mit 60 - eine der wichtigsten sozialen Errungenschaften der Baubranche - auch sichern können.»

Quelle: nzz.ch, 3. Juli 2018