Geteilte Schweiz

Für Beschäftige auf Baustellen gibt es kein Homeoffice. (Bild: Manu Friederich)

In der neuen «Kolumne zum Donnerstag» vom «baublatt» äussert sich Nico Lutz, Sektorleiter Bau der Unia, zum zweiten Lockdown. Er kritisiert, dass einige Unternehmen beim Gesundheitsschutz sparen. Auch fehlt der Schweiz ein gutes System, um Kontrollen durchzuführen.

Aktuell ist die Schweiz im zweiten Lockdown. So zumindest die offizielle Darstellung. Für einen Teil der Beschäftigten stimmt das auch. Sie haben ihr Büro im Wohnzimmer und absolvieren täglich eine Überdosis an virtuellen Besprechungen. Die Ohren glühen von der Dauerbeschallung durch den Kopfhörer – der Rest der Familie muss ja nicht an allen geschäftlichen Diskussionen teilhaben.

Homeoffice geht nicht in allen Berufen

Für einen anderen Teil der Beschäftigten sieht der Arbeitsalltag ganz anders aus. Sie kennen weder Lockdown noch Homeoffice. «Schützen Sie sich!» heisst es auf den Baustellen, in Industriebetrieben, in der Pflege oder im Detailhandel. Das führt allerdings für alle zu zusätzlichem Aufwand – ohne dass gleichzeitig die zu erreichenden Ziele reduziert werden.

«Schützen Sie sich!» bedeutet also mehr Belastung und Stress. «Bleiben Sie zu Hause» geht nicht. Der Metallarbeiter kann seine Drehbank schlecht im Badezimmer installieren, die Verkäuferin nicht von zu Hause aus Regale auffüllen. Betagten-Pflege per Skype funktioniert nicht, ebenso wenig wie Betonieren im Homeoffice.

Einige Unternehmen scheuen den Mehraufwand

Wir haben im Moment eine geteilte Schweiz. Für zahlreiche Beschäftigte geht die Arbeit vor Ort uneingeschränkt weiter. Zwar engagieren sich viele Unternehmen, die Schutzmassnahmen umzusetzen. Doch einige scheuen den Mehraufwand und die Kosten; nicht überall wird mit der gleichen Konsequenz auf die Gesundheit der Beschäftigen Rücksicht genommen.

Das Problem: unterbesetzte Arbeitsinspektorate

Und hier fängt das Problem an: Die Schweiz hat kein taugliches System, um die Einhaltung von Schutzmassnahmen im Bereich Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz wirksam zu kontrollieren.

Für die Kontrolle verantwortlich sind die Kantone. Die Arbeitsinspektorate sind aber schon im Normallfall unterbesetzt. Wie sollen diese nun auch noch die Einhaltung der Schutzmassnahmen für über eine Million Arbeitnehmende kontrollieren?

Richtig war der Entscheid, die Suva beizuziehen. Doch auch die Suva hat nur beschränkte Kapazitäten; zudem läuft die Zusammenarbeit zum Teil harzig.

Kompetenzgerangel verhindert wirksames Handeln

Und etwas Naheliegendes funktioniert leider nur in wenigen Kantonen: Die Sozialpartner haben paritätisch getragene Kontrollvereine, die seit Jahren die Arbeitsbedingungen auf den Baustellen überwachen. Warum können sie nicht für den Vollzug der Schutzmassnahmen beigezogen werden?

In letzter Zeit hatten sie weniger zu tun, weil sie insbesondere die entsandten Arbeitnehmenden kontrollieren, die aufgrund der Covid-19-Krise seltener in die Schweiz kommen. Zum Teil waren die Kontrolleur*innen sogar in Kurzarbeit – und gleichzeitig fehlen Kontrollkapazitäten. Kompetenzgerangel verhindert hier wirksames Handeln.  

Eine bessere und flächendeckende Umsetzung der Schutzmassnahmen wäre das mindeste, was wir für jene tun können, die Tag für Tag weiter draussen arbeiten,– wenn wir schon eine geteilte Schweiz haben.