Resultate der Umfrage in der Pflege

Ein Pflegerin mit einer Patientin

Die Mehrheit der Pflegenden will ihren Beruf verlassen oder sie sind unschlüssig. Sie fühlen sich körperlich und psychisch ausgelaugt, leiden unter Personalmangel, Spardruck und zu wenig Freizeit. Das hat die Umfrage der Unia ergeben. Ginge es anders? Ja. Durch eine faire Pflegefinanzierung und einen Dialog auf Augenhöhe zwischen dem Personal, seinen Gewerkschaften und den Arbeitgeberverbänden.

Die Resultate der Umfrage zum Arbeitsalltag der Arbeitnehmenden in der Pflege und Betreuung sind erschütternd. Mehr als 60 Prozent der Befragten sind unter 30 Jahre alt, fast die Hälfte sind weniger als sechs Jahre in der Pflege aber für 47 Prozent von ihnen ist bereits klar: Sie wollen nicht bis zur Pensionierung in ihrem Beruf bleiben!

Die Gründe für diese fehlende Zukunftsperspektive sind zu hohe Belastungen durch unzureichende Arbeitsbedingungen sowie gesundheitliche Probleme durch die Arbeit. «Trotz der schwierigen Arbeit infolge der Arbeitszeiten und der grossen Belastung, die zu vielen Überstunden führt, könnte es ein fantastischer Beruf sein. Ich möchte nicht wechseln, aber ich möchte auch nicht meine Gesundheit oder meine Lebenspläne opfern», so eine 30-jährige Pflegefachfrau.

Stress schadet Körper und Psyche

Pflegende leiden gesundheitlich. Und zwar körperlich und psychisch. Der Stress auf der Arbeit macht 70 Prozent der Befragten zu schaffen. 86 Prozent fühlen sich regelmässig müde und ausgebrannt. 72 Prozent geben an, dass sie als Folge ihrer Arbeit körperliche Beschwerden haben. So auch die 30-jährige Fachfrau Gesundheit. Sie sagt: «Ich liebe meinen Beruf, denn der menschliche Kontakt ist bereichernd und ich lerne viel von unseren Betagten. Je nach Einsatzplan bin ich manchmal von meiner Arbeit körperlich und psychisch erschöpft. Ich könnte übrigens zum Schutz meiner Gesundheit nicht mehr als 70 Prozent arbeiten.»

Personalmangel und Spardruck

Viele Pflegende ergreifen ihren Beruf, weil sie für Menschen da sein wollen. Die Realität sieht anders aus. 87 Prozent können sich nicht ausreichend den Bewohner/innen widmen. Personalmangel und Spardruck sind Gründe dafür, dass die Pflegequalität leidet. Das finden auch 92 Prozent der Befragten.
 
Eine 23-Jährige Fachfrau Gesundheit sagt dazu: «Es ist so schade dass immer am falschen Ort gespart wird. Wir sind regelmässig am Limit, da wir ab 19.30 Uhr mit zwölf Bewohnern alleine sind. Es ist höchste Zeit, dass sich etwas ändert und die Pflege wieder menschlicher wird!»

Viel Arbeit, wenig Privatleben

Work-Life-Balance ist wichtig für ein gesundes Leben. Bei den Pflegenden ist sie alles andere als ausgeglichen. 87 Prozent der Befragten geben an, dass in ihrem Betrieb Personalmangel herrscht. Das wirkt sich auf die Dienstplanung aus, die 65 Prozent als unfair empfinden. Für sie sind Über- oder Minusstunden die Folge, dies bestätigen 77 Prozent. Für 67 Prozent nimmt die Arbeit zu viel Raum ein und ihnen bleibt neben der Arbeit zu wenig Zeit für ihre Freizeit und Familie.

Das empfindet auch diese Pflegefachfrau, 21 Jahre: «Durch das viele Einspringen und die stark belastende Arbeit findet man privat kaum die Zeit und Kraft sich auf Hobbys, Familie etc. zu konzentrieren. Dadurch leidet das Privatleben stark.»

Harte Arbeitsbedingungen ohne faire Entlöhnung

Durch die schwierigen Arbeitsbedingungen sehen sich viele Pflegende gezwungen Teilzeit zu arbeiten: der durchschnittliche Beschäftigungsgrad in Alters- und Pflegeheimen beträgt in der Schweiz 72 Prozent. Es erstaunt deshalb auch nicht, dass 82 Prozent der Befragten ihr Gehalt für ungenügend halten. Wer hart arbeitet, sollte aber auch davon leben können! «Es ist frustrierend, wie wenig ich verdiene! Davon kann man nicht leben, leistet aber einen vollen Job und gibt alles für die Leute!», so eine 54-Jährige Pflegehelferin.

Es ist kostbar, wenn Menschen aus Überzeugung und Herzblut einen Beruf ergreifen. Es ist jedoch tragisch, wenn sie ihn wegen schlechten Arbeitsbedingungen wieder aufgeben wollen. Der Handlungsbedarf in der Pflege ist gross.

  • Eckdaten zur Umfrage

    Dauer: 15. Oktober 2018 bis 31. Januar 2019
    Form: Papier und Online, geschlossene Fragen mit Kommentar-Möglichkeit
    Teilnehmende: Über 2800 Personen, davon 1200 Angestellte aus Alters- und Pflegeheimen
    Berufe: Pflegefachfrau/-mann HF, Fachfrau/-mann Gesundheit (FaGe), Pflegehelfer/innen, Assistent/innen Gesundheit und Soziales, und Fachpersonen Betreuung (FaBe)
    Arbeitgeber: Pflegeheime, Spitex und Spitäler
    Geschlechter: 93 Prozent Frauen, 7 Prozent Männer

Was tun, um die Situation zu verbessern?

Verschiedene Massnahmen seitens Arbeitgeber sind nötig:

  • Faire Dienstpläne und Schichtsysteme, Abschaffung der Jahresarbeitszeit
  • Faire Löhne, die auch bei Teilzeit zum Leben reichen
  • Kurzfristige Planänderungen dürfen nicht gratis sein
  • Mehr Personal durch höhere Stellenschlüssel und mehr Zeit für Bewohner/innen

Diese Probleme müssen aber auch bei der Wurzel gepackt werden. Die Unia fordert:

  • Eine Neuordnung der Pflegefinanzierung. Kosten beim Personal sparen ist keine Lösung für das Bekämpfen steigender Krankenkassenprämien. Es müssen andere Finanzierungswege gefunden werden, denn das Grundproblem ist eine unfaire Verteilung.
  • Dass Arbeitgeberverbände und weitere Parteien im Gesundheitswesen endlich einen Dialog auf Augenhöhe mit dem Personal und seinen Gewerkschaften eingehen. Denn nur durch vereinte Kräfte können die Probleme der Branche aktiv gelöst und auf politischer Ebene die Finanzierung verbessert werden.