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Wer Löhne drückt, würgt sich selbst

03.05.2006


Die deutsche Wirtschaft steckt nicht im Würgegriff der Globalisierung, sondern einer falschen Lohnpolitik. Das sagt Uno-Ökonom Heiner Flassbeck. Aus dieser hausgemachten Misere helfe nur eines: die sofortige Erhöhung der Reallöhne. Deutschland müsse den Gürtel endlich wieder weiter schnallen.


Aus Angst vor der Globalisierung beschloss Deutschland 1996, den Gürtel enger zu schnallen und die Löhne nicht mehr dem Produktivitätsfortschritt anzupassen. Damit stiegen seit den 90er Jahren die Lohnstückkosten (Verhältnis von Kosten zu Ertrag pro Arbeitnehmer) nicht mehr oder sanken sogar. Die Überlegung dahinter: Statt den Produktivitätsfortschritt zu verfrühstücken, also via Reallohnerhöhung zu konsumieren, sollte er gespart werden. Dies, um Beschäftigung zu schaffen und gegenüber aufstrebenden Billiglohnländern wie China konkurrenzfähig zu bleiben. Ab den 90er Jahren verbrauchte Deutschland bewusst weniger, als es produzierte, und wurde wie schon in den 80er Jahren wieder zum Leistungsüberschussland. Es wurde unglaublich erfolgreich bei den Exporten, während die Inlandnachfrage fast ein Jahrzehnt lang stagnierte. Deutschland verzichtete auf Konsum im Inland zugunsten von mehr Export ins Ausland. Das heisst: Deutschland lebt seit mehr als zehn Jahren bewusst unter den eigenen Verhältnissen – und das ist verheerend.
 
CHINA HOLT AUF Warum verheerend? Das oberste Gesetz internationaler Ökonomie muss heissen: Die realen Löhne passen sich in jedem Land der Produktivität an. Das muss für Deutschland gelten, aber auch für China: In China steigt derzeit die Produktivität jährlich um fast zehn Prozent, entsprechend erhöht sich aber dort auch die Kaufkraft der Arbeitenden. Die Löhne in China nähern sich also denjenigen in den hochindustrialisierten Ländern immer mehr an; die Kaufkraft der Chinesinnen und Chinesen wächst und zugleich ihr Hunger nach Produkten aus dem Westen. Wenn die Globalisierung also in vernünftigen Bahnen abläuft, passen sich Hochindustrielle und weniger industrialisierte Länder langsam aneinander an. Europa wird vom Tieflohnland China nicht gefressen. Vernünftig geht dieser Prozess der Globalisierung nur dann, wenn die Beteiligten nicht unter ihren Verhältnissen leben, wie Deutschland dies tut. Denn das hat gravierende binnenwirtschaftliche und aussenwirtschaftliche Konsequenzen: Der private Verbrauch passt sich den langsamer wachsenden realen Arbeitseinkommen an, weil, wie in Deutschland zu beobachten, eine bessere Beschäftigungsentwicklung die schwache Lohnentwicklung nicht ausgleicht. Die von der inländischen Nachfrage abhängigen Branchen leiden unmittelbar, oder die Unternehmen müssen auf die schwächere Nachfrageentwicklung im Inland mit geringeren Preissteigerungen reagieren, was die Gefahr einer Deflation mit sich bringt. Das Hochlohnland schadet sich mit einer solchen Strategie letztlich selbst, es verschenkt eigenes Wachstums- und Einkommenspotential. Das ist das zentrale Übel, an dem Deutschland seit gut zehn Jahren krankt.
 
WÄHRUNGSUNION IN GEFAHR Die günstigere Entwicklung der Exporte kann die dämpfende Wirkung einer zurückhaltenden Lohnpolitik auf Dauer nicht ausgleichen. Dies, weil in Deutschland der private Verbrauch ein grösseres Gewicht als der Aussenhandel hat. Und weil früher oder später die Handelspartner im Ausland mit einer Abwertung ihrer Währungen oder einer Kopie der deflationären Lohnpolitik zurückschlagen werden. Die Therapie der Lohndrücker reproduziert und verschärft die Krankheit, die sie heilen soll. Die Verlagerung in Billiglohnländer ist kein neues Phänomen. So wurde in den 60er Jahren z.B. die traditionelle deutsche Kameraindustrie von der japanischen verdrängt. Das aber war keine Katastrophe für Deutschland, weil die eigene Wirtschaft im Export und im Binnenmarkt kräftig wuchs und genügend Arbeitsplätze schuf. Genau daran mangelt es heute. Die heutige Angst um jeden einzelnen Arbeitsplatz ist unserer eigenen Unfähigkeit geschuldet, Bedingungen zu schaffen, unter denen genügend Neues entstehen kann – wenn der letztlich unvermeidliche weltwirtschaftliche Strukturwandel und das Aufholen der Entwicklungsländer Altes zerstören. Eine Lohnsenkungsstrategie in Hochlohnländern wie Deutschland hilft nicht weiter. Sie erhöht kurzfristig zwar die Wettbewerbsfähigkeit und schmälert damit die Chancen der Entwicklungsländer, aufzuholen. Sie schadet aber massiv den Ländern, die auf der Industrialisierungsleiter zwischen den Weltmarktführern und den gering entwickelten Ländern stehen. Besonders Ländern, die die gleiche Währung haben, wie z.B. Italien, Spanien, Portugal oder Griechenland. Sie müssen dem Lohnsenkungspfad folgen, wenn sie nicht sämtliche Marktanteile verlieren wollen. Dies führt auf mittlere Sicht unweigerlich zu einer Aufwertung des Euro und macht die Bemühungen der Deutschen zunichte, sich dem chinesischen Lohnniveau anzunähern. Das ist zwar ein Glück für die Entwicklungsländer, aber eine Katastrophe für die ärmeren Mitglieder der Währungsunion.
 
EINE ABWÄRTSSPIRALE Noch einmal: Für jede einzelne Nation, für jede sich kulturell zusammengehörig fühlende Gesellschaft oder für jeden Raum der gleichen Entwicklungsstufe muss das «law of one price» gelten: der Grundsatz des gleichen Lohns für gleiche Arbeit also. Wird dieser Grundsatz durchlöchert, werden Mittel zur Behebung der Krise empfohlen, die eine Abwärtsspirale in Gang setzen:
> Lohnsenkung schwächt die Binnennachfrage und lässt so die Gewinne und mit ihnen die Investitionsbereitschaft im Inland sinken.
> Lohnsenkung stärkt zwar vorübergehend die Exporte, aber nie in dem Masse, wie es zur Kompensation des inländischen Nachfrageausfalls notwendig wäre.
> Lohnsenkung steigert die Aufwertungswahrscheinlichkeit, die jede Lohnsenkung gegenüber dem Ausland wieder zunichte macht.
> Lohnsenkung erhöht die Arbeitslosigkeit und damit erneut den Druck auf die Löhne.
 
GÜRTEL WEITER SCHNALLEN Was ist zu tun? Deutschland muss wieder beginnen, entsprechend seinen Verhältnissen zu leben. Also den Gürtel weiter schnallen. Und zwar auf allen Ebenen. Die deutschen Sozialpartner müssen schnellstens zu gesamtwirtschaftlichen Lohnabschlüssen zurückfinden. Diese ergeben sich aus der durchschnittlichen gesamtwirtschaftlichen Produktivitätssteigerung plus einer angemessenen Zielinflationsrate. Wer seine Produktivität nicht verfrühstückt, bedroht alle übrigen Marktteilnehmer und schliesslich auch sich selbst. Nur wenn die zurückhaltende Lohnpolitik der letzten zehn Jahre aufgegeben wird, kann die drohende Deflationsspirale aufgehalten werden. Wir stecken nicht im Würgegriff der Globalisierung, sondern einer falschen Lohnpolitik. Damit würgt Deutschland nicht nur sich selbst, sondern auch den Rest der Welt, vor allem die Partner in der europäischen Währungsunion.
 
 
Heiner Flassbeck ist Unctad-Chefökonom. Zu Beginn der Regierung Schröder war er Staatssekretär im Finanzministerium von Oskar Lafontaine. Soeben erschienen: «50 einfache Dinge, die Sie über unsere Wirtschaft wissen sollten», Westend, 176 Seiten, Fr. 33.–.

Von: Heiner Flassbeck


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