Was ist los bei DPD?

Roman Künzler, Verantwortlicher Logistik und Transport der Unia

Im Februar deckte die Unia grosse Missstände beim Paketdienst DPD auf: unbezahlte Überstunden, überlange Arbeitstage, riesiger Druck. Der Unia-Verantwortliche Roman Künzler sagt im Interview, was seither geschehen ist.

Roman, die Vorwürfe der Unia an DPD sind happig: Die Firma halte Gesetze nicht ein und die Fahrer*innen müssten regelmässig mehr als 12 Stunden pro Tag arbeiten. Woher hat die Unia diese Informationen?

Im Februar 2021 haben wir den Report «Das System DPD» veröffentlicht. Er beschreibt ausführlich die Probleme, angefangen bei den unbezahlten Überstunden über fehlende Hygienemassnahmen in der Pandemie bis zur Tatsache, dass viele Chauffeur*innen Pakete bis 50kg schleppen müssen. Der Report beruht auf rund 200 Gesprächen mit Fahrer*innen und Logistik-Angestellten, die uns aus dem Alltag bei DPD berichtet haben.

Der CEO von DPD, Tilmann Schultze, hat kürzlich in einem Interview gesagt, die Vorwürfe der Unia seien sehr pauschal und aus der Luft gegriffen. Habt ihr Beweise für die Anschuldigungen?

Unser Report umfasst immerhin rund 35 Seiten. Darin werden zahlreiche Probleme recht genau beschrieben. Diese sind auch nicht schwer ausfindig zu machen, wenn man denn hinsehen will. Unia-Sekretär*innen sind wöchentlich bei den Arbeitnehmenden vor den Logistikzentren und sehen vor Ort, was abgeht. Wir sehen um 5:30 Uhr die Chauffeure ankommen und treffen sie nach dem Ende der Touren um 18 Uhr immer noch im Depot an. Alle sagen uns, sie hätten keine Pausen gemacht, die Überstunden würden nicht aufgeschrieben und sowieso nicht bezahlt. In persönlichen Gesprächen ausserhalb der Arbeitszeit bestätigen weitere Fahrer*innen aus verschiedenen Depots dasselbe. Seit Monaten schreiben Chauffeur*innen ihre reale Arbeitszeit auf und schicken sie uns. Es dürfte auch für DPD nicht allzu schwierig sein, den Missständen auf die Spur zu kommen. Sie müssten nur die Leute fragen, die für sie arbeiten.

DPD sagt auch, die Unia wolle gar nicht verhandeln. Und die Gewerkschaft habe DPD keine Belege für Verfehlungen vorgelegt.

Die Thematisierung der Missstände und die Publikation des Reports durch die Unia waren stets mit einer Gesprächseinladung an DPD verbunden. Es gibt einen monatelangen Schriftwechsel, in dem DPD immer wieder zu Gesprächen aufgefordert und zu Treffen eingeladen wurde, damit wir mit dem Unternehmen über die dokumentierten Probleme sprechen können. Die Chauffeur*innen und Logistikangestellten haben ebenfalls um Gespräche gebeten, um ihre Anliegen vorzutragen. Überall in der Schweiz haben sie Delegierte gewählt. Hunderte Fahrer*innen haben die Forderung nach Verhandlungen unterzeichnet. Aber DPD lehnt es kategorisch ab, mit den Beschäftigten und ihrer Gewerkschaft überhaupt zu sprechen und sich die konkreten Belege für die Missstände anzuschauen. Sie wissen genau, dass ihr System nicht aufgeht, sobald seriös hingeschaut wird. Man kann ja unterschiedliche Positionen haben, aber eine Gewerkschaft, die eine dreistellige Anzahl Arbeitnehmende im Betrieb hat, nicht mal zu treffen, das spricht schon Bände über die Unternehmenskultur.

Aber warum schickt ihr DPD nicht einfach eine Liste mit den konkreten Missständen?

In den Depots und vielen Subunternehmen wird von den Chefs extrem Stimmung gegen die Unia gemacht. Gegen Unia-Mitglieder gibt es offene Kündigungsdrohungen. Kein Wunder, wollen die Chauffeur*innen, die auf ihren Job angewiesen sind, dass es zuerst eine Vereinbarung gibt, wie mit ihren Anliegen und Dokumenten umgegangen wird und wie sie geschützt werden, bevor gegenüber dem Unternehmen alles offengelegt wird. Deshalb braucht es Verhandlungen in einem Rahmen, der gegenseitiges Vertrauen schafft. In verschiedenen Depots wurden in den letzten Wochen ausserdem verschiedenste, sehr detaillierte Missstände ans Management übergeben. Wir warten auf Antwort.

Herr Schultze sagt auch, die Unia habe gar nicht genügend Mitglieder bei DPD, um Verhandlungsforderungen zu stellen.

Das ist falsch. Wir waren immer bereit, die Anzahl unserer Mitglieder bei DPD und seinen Subunternehmen durch einen Notar bestätigen zu lassen. Vor ein paar Wochen haben wir dann den notariellen Nachweis gemacht und DPD geschickt. Aber wir haben gleichzeitig auch verlangt, dass es zu einem ersten Treffen ohne Vorbedingungen kommt. Leider versucht DPD, unmögliche Bedingungen zu diktieren, um keine Gespräche mit den Arbeitnehmenden führen zu müssen. Das ist das Verhalten einer Firma, die weiss, dass viel im Argen liegt.

Was ist denn mit dem Branchen-GAV? An den muss sich DPD doch halten?

Schultze spricht immer wieder vom Gesamtarbeitsvertrag der Paketbranche und behauptet, dieser gelte noch. Fakt ist, dass der GAV KEP+Mail gekündigt wurde und seit Ende 2020 nicht mehr gilt. Es gibt derzeit auch keine Verhandlungen über eine Erneuerung. Schultze will damit verstecken, dass DPD absolute Tieflöhne zahlt. Die von ihm erwähnten 3'800 Franken (ohne 13. Monatslohn, bei 4 Wochen Ferien) entsprechen einem unwürdigen Stundenlohn von 19.90 Franken. Zum Vergleich: Im Gastgewerbe verdient man mindestens 23.27 Franken.

Wie geht es denn jetzt weiter?

Die Fahrer*innen bleiben dran, und wir auch. Das Ziel ist klar: DPD muss die Arbeitsbedingungen verbessern und sich an die Gesetze in der Schweiz halten. Die Chauffeure sehen dank dem Druck an unterschiedlichen Orten auch schon Schritte in die richtige Richtung. So werden zum Teil jetzt zum ersten Mal Arbeitszeiten überhaupt erfasst. DPD muss mit den Chauffeur*innen und der Unia verhandeln, damit die furchtbaren Arbeitsbedingungen verbessert werden. Die grosse öffentliche Unterstützung zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Letzten Monat haben 100 Persönlichkeiten einen offenen Brief an Herrn Schultze unterzeichnet, in dem sie Verbesserungen fordern. Hunderte weitere Menschen haben den Protestbrief an DPD geschickt. Das macht den Fahrer*innen Mut, weiter für ihre Rechte zu kämpfen.